Werkstätten für Menschen

Interview mit Jürgen Thewes

Für mich ist die Werkstatt mehr als ein Arbeitsplatz. Ich habe früher auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt in der Landschaftspflege gearbeitet. Das war für mich keine schöne Zeit. Aufgrund meiner Behinderung wurde ich von den Kolleg*innen gemobbt und ausgegrenzt. Natürlich kann es auch gut und richtig sein, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten, aber für mich persönlich war es wirklich eine schlimme Erfahrung.

Ich bin dann in eine Werkstatt gegangen und dort ist für mich vieles besser. Ich werde akzeptiert, so, wie ich bin, es gibt keinen Leistungsdruck, und wenn mir etwas auf der Seele brennt, gibt es immer Mitarbeiter*innen, mit denen ich reden kann – auch über private Sorgen. Oft erhalte ich dann auch informell Unterstützung oder Tipps, wohin ich mich wenden kann. Ich habe in der Werkstatt außerdem viele Freund*innen gefunden, die voll auf meiner Wellenlänge sind.

Für mich und viele meiner Kolleg*innen ist es genau das, was die Werkstatt ausmacht.

Ich arbeite wirklich sehr gerne in der Werkstatt.

Was mich allerdings in der Werkstatt wirklich nervt, ist die geringe Bezahlung, denn obwohl wir ja noch viele weitere Leistung bekommen, arbeiten wir richtig ordentlich.

Ja, das Entgelt, das wir in der Werkstatt erhalten, ist wirklich viel zu gering. Da muss sich unbedingt etwas ändern! Von der Werkstatt bekommen wir den Grundlohn, den Steigerungsbetrag und das Arbeitsförderungsgeld. Das sind oft weniger als 200 Euro im Monat und das für bis zu 40 Stunden Arbeit in der Woche. Zusätzlich müssen wir dann oft noch Grundsicherung beantragen oder erhalten eine Rente. Das ist kompliziert, unübersichtlich und unwürdig.

Wir von Werkstatträte Deutschland e. V. haben deshalb schon frühzeitig das Basisgeld entwickelt. Das Basisgeld ist an die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens angelehnt und soll eine gerechte und ausreichende Bezahlung von Werkstattbeschäftigten gewährleisten. Jeder „dauerhaft voll erwerbsgeminderte“ Mensch – also auch alle Werkstattbeschäftigten – würde pro Monat unabhängig von anderen Bedingungen einen Betrag bekommen, der bei 70 Prozent des deutschen Durchschnittseinkommens liegt. Alle Menschen, die zusätzlich arbeiten, hätten zusätzlich die Möglichkeit, sich noch etwas dazu zu verdienen. Mehr Informationen zum Basisgeld gibt es auf unserer Website.

Für mich und viele meiner Kolleg*innen wäre das wirklich schlimm. Für viele würde der Mittelpunkt ihres Lebens einfach wegfallen – Freundeskreise würden zerbrechen, Halt und Struktur würden wegfallen. Ganz schlimm!

Selbst wenn wir alle einen Job auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt finden würden, was ich aktuell für absolut unrealistisch halte, könnten die Verluste nicht so schnell aufgefangen werden.

Ich glaube, seelische und körperliche Krankheiten würden zunehmen. Und wahrscheinlich würde es auch Selbstmorde geben.

In meiner Werkstatt gibt es Kooperationen mit Firmen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Wir können dort Praktika machen und haben die Zusagen, dann auch übernommen zu werden, wenn wir das möchten.

Viele Werkstätten bieten Schulungen an, die von der Industrie- und Handelskammer (IHK) zertifiziert sind.

Ich denke der größte Mehrwert ist, dass man einfach so sein darf, wie man ist. Ich fände es toll, wenn das überall so wäre – aber meine Erfahrung als behinderter Mensch zeigt mir immer wieder, dass das nicht so ist.

Man ist in der Werkstatt einfach keinen Vorurteilen ausgesetzt, es gibt keinen Leistungsdruck und man darf sich auch einmal einen schlechten Tag leisten.

Als sehr wichtig sehe ich auch die sozialen Kontakte mit Menschen an, die auf der gleichen Wellenlänge sind. Wir haben den gleichen Humor und wir haben oft ähnliche Sorgen – das hilft oft ungemein.

Ich selbst erlebe das nicht so. Wobei das in den vielen Werkstätten wohl auch sehr unterschiedlich ist. Es gibt viele Werkstätten mit spannenden Arbeitsplätzen, zum Beispiel im Gartenbau, in der Gastronomie, im Bereich Kunst und in der Landwirtschaft. Und noch vieles mehr.

Und dann gibt es sicherlich auch monotone Aufgaben. Es gibt aber in der Werkstatt auch viele Menschen, die genau das mögen – immer gleiche Abläufe zum Beispiel. Das gibt einigen Sicherheit. Wichtig ist nur, dass niemand auf einem Arbeitsplatz festgehalten wird, den er oder sie nicht mag.

Ich finde, die Arbeit in der Werkstatt ist sehr sinnvoll.

Was den Vorwurf „Akkordarbeit“ betrifft, habe ich schon gehört, dass manche Beschäftigten das so empfinden. Hier muss man unbedingt gegensteuern, dass der Arbeitsdruck nicht ansteigt. Deshalb sagen wir auch, dass es keinen Mindestlohn geben darf, da dies zu mehr Druck in der Werkstatt führen würde. Deshalb sagen wir, dass das Basisgeld der richtige Weg ist.

MIT MACHEN!